Erfahrungsbericht: Die Vernehmung

Als sie mich am nächsten Tag zur Vernehmung holen, bin ich froh, aus meiner Zelle herauszukommen. Ich bin froh, Menschen zu sehen, freundliche Gesichter, und als sie mir eine Zigarette anbieten, rutscht mir ganz automatisch ein "Danke" von den Lippen. Da ist ein helles Bürozimmer, Blumentöpfe, eine Sekretärin kocht Kaffee und schon bist du eingestimmt auf ein normales - "Mensch zu Mensch" Verhalten. Du willst niemanden vor den Kopf stoßen. Es fällt mir schwer, auf ihre freundlichen Fragen nicht zu antworten, und ich hatte mir die Polizisten ganz anders vorgestellt. Der eine ist jung und hat kurze Haare; der andere ist graumeliert, braungebrannt und ganz väterlich. Sie wollen nichts weiter als sich mit dir ein bisschen unterhalten.

Ohne Protokoll und Tonband sagen sie; sie wollen nur wissen, was wir so denken. "Es muss ja was dran sein, wenn man sich jahrelang für eine Sache einsperren lässt." Sie sind ja auch nicht mit allem zufrieden, die vielen Ausländer, die Umweltzerstörung, da müssten wir doch mal was machen. Und dann gibt´s ja heute so viele Gruppen und Parteien, da findet sich ja kein Mensch mehr zurecht. Der Ältere war noch in der HJ und er hat gute Erinnerungen daran. Damals war noch Disziplin in Deutschland. Der Jüngere sagt, dass damals noch etwas galt und nicht Chaoten wie in der Hafenstraße von den Politikern und der Presse gehätschelt wurden.

Ganz unscheinbar sind sie zu zwei Bürgern geworden, die nur zufällig im Beruf Polizist sind. Sie wollen sich gerne überzeugen lassen, nur hat es ihnen bisher noch nie jemand so richtig erklärt. Vielleicht denkst du, sie sind ja auch vom Geld abhängig und ausgebeutet; wer weiß, wie viele da schon Dinge sagten, die sie gar nicht sagen wollten.

Als ich immer noch nichts sage, wie ein Klotz dasitze und aus dem Fenster starre, versuchen sie, an mein Ehrgefühl und an meine Aufrichtigkeit zu appellieren. Wenn ich etwas getan hätte, müsste ich doch dazu stehen "Ein Deutscher steht zu seiner Tat."
Es handele sich ja um nichts Kriminelles, sondern um was Politisches.
Wie wolle man ein Beispiel geben, wenn man nicht zu seiner Tat stehe? Das würden sie respektieren, da hätte ja manch Krimineller mehr Ehrgefühl im Leibe. "Machen sie reinen Tisch. Sie wissen, die Gerichte werden es Ihnen zu Gute halten." So wären sie leider gezwungen, deinen ganzen Bekannten- und Freundeskreis zu überprüfen, die würdest du nun auch noch mit in die Sache reinziehen. Und immer offener und drohender werden sie, sie hätten eh schon genug Material, das reiche schon für ein paar Jährchen. Man könne dich hier in einer Ecke verschimmeln lassen, mit solchen wie dir werden sie schon lange fertig, und nicht alle Beamten wären so freundlich wie sie. Der "Väterliche" schlägt plötzlich mit der Faust auf den Tisch und schreit, er habe jetzt genug von dir. Dann bringen sie mich nach unten in einen Gitterverschlag und lassen mich ein paar Stunden "schimmeln." Diese Stunden wollen kein Ende nehmen. Du willst dösen, kannst nicht, hin- und hergehen geht auch nicht. Und ständig gehen dir Fragen durch den Kopf. Worauf wollen sie heraus? Was haben sie mit mir vor? Schließlich kommen sie wieder. "Na, haben Sie sich es überlegt, wollen Sie jetzt unsere Fragen beantworten? Ich will noch nicht: Aber jetzt haben auch sie genug. Sie lassen mich in Ruhe, und ich werde zurück ins Untersuchungsgefängnis gebracht. Diesmal erscheint mir meine Zelle fast wie ein Paradies.


Ein Weiteres Beispiel für die Taktik der Polizeibeamten:

Sie versuchen, die Beziehung zu Personen, die uns emotional nahe stehen, auszunutzen.

Wenn sie anders nicht mehr weiterkommen, greifen die Beamten zu dem Mittel, den zu Vernehmenden mit seinen Eltern, seinen Freunden, seinen Ehepartner, seinen Kindern oder anderen Personen zusammenzubringen. Sie gehen davon aus, dass es in unserer Verwandtschaft oder unter den Menschen, denen wir uns verbunden fühlen, jemanden gibt, der in der Lage ist, uns umzustimmen. Die Spekulation der Beamten ist folgende: Sie sehen, Zwang und Drohung, Überredung und Verängstigung helfen nicht. Sie haben auch keine Beamten, die in der Lage sind, zu dir eine emotionale Beziehung aufzubauen, so dass du dem Beamten zuliebe aussagen würdest. Also wählen sie unter Bezugspersonen Leute aus, denen zuliebe du einiges tun würdest, die du nicht enttäuschen willst, denen gegenüber du Anlass zu Respekt oder Dankbarkeit hast. Es müssen Personen sein, die politisch und juristisch nicht durchblicken, also nicht durchschauen, wofür sie benutzt werden sollen. Sie sollen die Doppelrolle des Lockvogels spielen:

Einerseits Deinesgleichen, mit dir befreundet oder verwandt, andererseits im Dienst derer, die dich kleinkriegen wollen. Und sie merken es nicht, weil sie oft einem anderen Denken und Wissen verhaftet sind. Die Frage, ob du aussagst oder nicht, soll zu einer Entscheidung zwischen dir und deinen Eltern, zur Existenzfrage deiner Beziehung zu ihnen hochgeschraubt werden.

Es gehört zu den größten Zynismen der Polizei, die Eltern eines Betroffenen zu benutzen, um ihn in die Knie zu zwingen. Jeder weiß, dass gerade die Eltern den Angstmechanismen noch viel mehr unterworfen sind als wir, die wenigsten einen relativ größeren Durchblick haben. Eure Eltern haben den Beamten gegenüber häufig überhaupt keine Widerstandskraft. Sie scheuen sich noch mehr als ihr dem freundlichen Beamten "unfreundlich", also angemessen zu begegnen. Sie sind in ihrem Zweifel oft schnell genug bereit einzusehen, dass es für ihr Kind doch nicht gut sei, sich weiterhin zu weigern. Sie sind meist die geeignetsten Opfer für alle Drohungen und Schwarzmalerei der Beamten. Dann kommen sie zu dir in die Zelle. Es geht dir nicht gut. Sie sehen das und du siehst sie weinen, leiden und dich beschwören. Und du sagst kein Wort. Aber du hast Angst, sie ganz kaputt weggehen zu sehen. Du weißt nicht, wie du ihnen deine Lage begreiflich machen sollst. Du entwickelst Ihnen gegenüber Schuldgefühle. In dieser Situation darfst du nicht vergessen, dass deine Schuldgefühle die genau einkalkulierte fünfte Kolonne der Beamten sind. Die Schuldgefühle sollen in dir die Arbeit der Beamten leisten und dich zum Fallen bringen. Diese Situation gegenüber deiner Frau, deinem Mann oder Kindern ist noch viel schlimmer, weil sie zu der emotionalen Seite noch deine Verantwortung hinzufügen.

Zu ihnen darfst du ein Wort sagen: Sie sollen mit deinem Anwalt sprechen; der kann ihnen dann erklären, wie deine Situation aussieht. Aber nur mit deinem Anwalt. Verzichte auf jede Rechtfertigung und Diskussion!

Eine weitere Schwäche, auf die Beamten zählen, ist unsere Neigung, unser Tun überall und gegenüber jedem zu rechtfertigen. Vielen von uns ist es unerträglich, mit dem Gedanken herumzulaufen, etwas zu tun, dieses aber nicht zu rechtfertigen. Auch das mag in manchen Situationen des täglichen Lebens richtig sein. In der Situation der Vernehmung ist es absolut falsch. Es ist genauso falsch, auf die Idee zu kommen, den Beamten gegenüber jetzt zwar keine Aussage zu machen, ihnen aber haarklein darzulegen, dass man nur seine Rechte als Beschuldigter wahrnimmt.

Denk daran:
Kein Wort der Rechtfertigung. Überlege dir lieber, wer Anspruch auf Rechtfertigung hat: Nur wer dich auch kritisieren darf. Du wirst zugeben müssen, dass der Beamte hierzu nicht die Berechtigung hat. Auf irgendeine Art wird der Beamte immer wieder versuchen, mit dir ins Gespräch zu kommen. Er wird dich zum Beispiel bei deiner Intelligenz packen wollen, oder er wird versuchen, mit dir politisch zu diskutieren. Hierbei benutzt er Wissen, welches er sich im Laufe seiner Arbeit aneignen musste. Er hat sich sicher mit einigen politischen Schriften beschäftigt. Er wird versuchen, bei dir die Stellen herauszufinden, in denen du möglicherweise unsicher bist, in denen du politisch vielleicht verzweifelst. Er wird mit allen möglichen Zitaten aufwarten, um dir zu erklären, dass "Ihr" politisch falsch liegt. Vielleicht trifft er genau die Position, die du selbst in Diskussionen mit deinen Kameraden erfolglos vertreten hast. (Er kennt sie vielleicht aus V-Material). Du meinst, bei ihm "echtes" Interesse zu spüren. Lass ihn sich abzappeln! Er hat mit dir nichts zu tun. Er macht die Sprünge schließlich nur, um dich zum Reden zu bringen. Wenn er wirklich politisches Interesse hätte, bräuchte er nicht warten, bis du antwortest.

Du hast es nicht nötig, den Beamten zu imponieren. Hüte dich davor, deinem Gegenüber in dieser Situation in irgendeiner Weise zu imponieren. Frag dich lieber, ob es nicht zu ertragen ist, längere Zeit mit einem Beamten zusammenzusein, ohne es ihm wenigstens einmal "zu geben". Denk daran, dass deine Position nicht nur schwach, sondern auch stark ist.

Mach nicht den Fehler, dem Anderen zeigen zu wollen, dass du der Stärkere, der Klügere, der Gebildetere und politisch Bewusstere bist; denn dann bist du der Dumme. Er wird sofort darauf einsteigen und dir mit Interesse folgen und durch "dumme" Zwischenfragen deinen Redefluss ankurbeln. In Wirklichkeit kannst du ihm nur dadurch imponieren, dass du in jeder Situation bei deinem Schweigen bleibst.