Gespräche von "Mensch zu Mensch"

Bereits im Transportwagen in der Polizeizelle oder bei der Kripo, wenn es dir bereits besonders dreckig geht, wird ein Beamter in der Rolle des "Freund und Helfer" auf dich zukommen. Das kann ein "Höherer" sein, der die Polizisten, die dich beschimpfen, zur "Ordnung" ruft. In deiner miesen Situation neigst du dazu, dich an diesen Strohhalm zu klammern und zu vergessen, dass er derjenige ist, der jetzt den Auftrag hat mit dir in ein vertrauensvolles Gespräch zu kommen.
Es passiert nicht selten, dass gerade dieser Beamte sich später vor Gericht rühmt, er habe es eben mit seiner verständnisvollen Art geschafft, das Vertrauen des Beschuldigten zu erlangen, der ihm schließlich das Herz ausschüttete. Die Taktik besteht darin, dich zunächst in eine Situation zu bringen, in der es dir schlecht geht, damit dann einer als dein "Freund und Retter" auftreten kann. Oft werden zu diesem Zweck auch Vernehmungen mit verteilten Rollen durchgeführt:

  • Einer ist scheinbar der Sachliche, der die Vernehmung offiziell vornehmen soll.
  • Zwei weitere Beamte sind im Raum entweder als Zuhörer oder scheinbar mit etwas Anderem beschäftigt.

Du verweigerst die Aussage. Dein sachliches Gegenüber versucht dir in Güte zuzureden. Du schweigst. Er brüllt los: "Mit euch müsste man kurzen Prozess machen..." Dabei kommt er dir so nahe, dass seine Nase dich fast berührt. Du riechst seinen Atem und bekommst seine Spucke ins Gesicht. Er brüllt weiter, bis nun dem Dritten die Sache "zuviel" wird. Er schickt den Schreier raus und befreit dich von ihm. Er wird dir sagen, dass sie den auch nicht leiden können, dass er bald versetzt wird. Dann bieten sie dir eine Tasse Kaffee an. Du empfindest Dankbarkeit. Du solltest Dankbarkeit empfinden.

Die Beamten wissen, dass wir in bestimmten Situationen nach Mustern und Mechanismen zu reagieren pflegen. Wir sind einfach darauf gestimmt, jemandem, der uns hilft, dankbar zu sein oder dem, der uns Verständnis entgegenbringt, freundlich zu begegnen. Das muss im normalen täglichen Umgang auch nicht falsch sein. Aber diese eingeschliffenen Mechanismen des täglichen Lebens sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie auch in Situationen aktiv sind, wo sie überhaupt nicht angebracht sind. Das Verhältnis zwischen Beamten und Beschuldigten ist in keiner Situation geeignet, Freundlichkeit oder Dankbarkeit aufkommen zu lassen. Auch wenn es dir schwer fällt, mit dem Beamten, dem du "Dank schuldest", nicht zu sprechen, in ihm immer noch den Systemschergen zu sehen. Vergiss nicht, dass es dein Recht ist, zu schweigen. Wenn der Beamte erst seine Macht darauf verwendet, dich unter Druck zu setzen und dann den Druck lockert, ist es absurd, hierfür auch noch dankbar zu sein. Selbst wenn er den Kaffee aus eigener Tasche bezahlt, ist das eine Investition, die sich für ihn spätestens bei der nächsten Beförderung auszahlt.

Diese "Retter" sind die gefährlichsten Personen in diesem abgekarteten Spiel. Sie wollen deinen Kopf, deine Aussage und deinen Entschluss zum Geständnis. Du hast zu kämpfen, um ihnen zu widerstehen. Und wenn du meinst, deine Dankbarkeit wirklich nicht verkneifen zu können, kannst du dem Beamten später, wenn du aus der Sache raus bist, immer noch eine Büchse Bier als Dank schicken. Aber keine Aussage! Wenn der Beamte seine "menschliche" Seite zeigt, verweigere nicht nur jede Aussage, sondern lass dich auf kein Gespräch von "Mensch zu Mensch" ein. Er wird dir erzählen, dass er auch Kinder hat, die womöglich "rechts" eingestellt sind. Er findet vieles ja auch richtig und versteht auch die Jugend; er würde ja auch mitmachen. Er wird versuchen, dich in eine Diskussion zu verwickeln, innerhalb der er dich langsam auf eine Bahn bringen kann, die dann zu einer Aussage Führt. Außerdem verstärkt sich deine emotionale Beziehung zu ihm. Du findest ihn freundlich und fühlst dich verstanden. Das hat zur Folge, dass du bewusst oder unbewusst dich selbst veranlasst fühlst, freundlich zu ihm zu sein und ihn zu verstehen. Du beginnst jetzt Angst zu haben, ihn durch weiteres Verweigern zu "enttäuschen".

Der Leim ist süß, auf dem du kriechen sollst