Den Knast studieren

Verschaffe dir alle erreichbaren Kenntnisse über die Knastorganisation, die soziale und psychische Zusammensetzung und die Lage der Insassen und Beamten. Betrachte ihn als dein Studienprojekt, als wärst du auf einer Expedition.

Das ermöglicht dir, fundierte Kenntnisse über die Funktion und Wirkung eines der wichtigsten Herrschaftsinstrumente zu erwerben und hilft dir, dich selbst richtig zu verhalten. Du wirst dabei auch lernen, welche Taktik andere Gefangene im Laufe ihres Lebens für ihr Überleben im Knast anwenden.

Im Knast studieren

Lerne Dinge, die du bisher draußen nicht gelernt hast. Wenn dich Physik und Chemie nicht reizen können, so kannst du versuchen, Sprachen zu lernen.

Halte dich körperlich fit

Du hast pro Tag eine dreiviertel Stunde lang Bewegung im Ferien. Das hat zur Folge, dass du Fett ansetzt und dein Kreislauf schwach wird. Zwinge dich vier oder fünf Mal am Tag zu Übungen, die regelmäßig deinen Kreislauf und deine Muskulatur belasten. Du weißt noch vom Sportunterricht, was hierfür in Frage kommt: Liegestütz, Kniebeuge, Bauchmuskeltraining und Übung, für die Rückenmuskulatur.

Bestell dir aus dem Buchhandel entsprechende Literatur.

Wenn du dich beschäftigen kannst, dann bekommst du auch nicht das Gefühl, die Zeit, in der du eingesperrt bist, sei verlorene Zeit. Sie ist es nicht. Wer drinnen ist, wird dir sagen, dass dort das Leben weitergeht. Zwar unter vielen Entbehrungen und Demütigungen, aber letztlich nicht so schlimm, wie alle, die draußen sind, es befürchten.

Dein Verhalten zu Mitgefangenen, wenn du mit ihnen in Berührung kommst, ist von zweierlei geprägt: Der gemeinsamen Situation im Knast und der unter Umständen vorhandenen, oft verborgenen Interessenlage zwischen dir und den Anderen.

Das heißt: Trenne die Knastsolidarität von der politischen Solidarität

Der Knast ist in vieler Hinsicht ein Abbild der Gesellschaft draußen, mit allen Widersprüchen und Verhaltensweisen. Die Gemeinsamkeit der Situation als Gefangener bedingt, dass man sich gegenseitig die Entbehrungen und Unterdrückungen erträglich macht. Das geschieht durch Gespräche, Begegnungen und materielle Hilfe. Wer hat, gibt dem, der nichts hat. Man tauscht Zeitungen und Bücher. Man kann auch von seinem "Eigengeldkonto" Geld auf das von anderen äberweisen oder seinen Anwalt auffordern, sich um einen Mithäftling zu kümmern. Diese allgemeine Hilfsbereitschaft darf aber nicht nach dem "Gießkannenprinzip" praktiziert werden.

Auch im Knast gibt es typische Hierarchien - Reiche und Arme, Dealer und Zuhälter, die meist von draußen her über viel Geld verfügen und Mittellose, die nie einen Einkauf machen können oder Besuch haben.
Auch im Knast lebt mancher auf Kosten Anderer.

Andererseits versucht auch die Anstalt, die Gefangenen zu spalten und Gerüchte zu verbreiten. Verhalte dich - den dortigen Umständen angepasst - so wie draußen, wo du auch nicht jeden vertraust, auch nicht jedem deiner Gegner siehst. Auch für die politische Solidarität gilt - mit einigen Abweichungen - drinnen das Gleiche wie draußen. Es gilt aber einige besondere Gesichtspunkte, die man beachten muss. Obwohl man dicht aufeinander hockt, weiß man vom Anderen nur das, was er selbst erzählt. Die Gleichartigkeit der äußeren Situation, aber auch das Aufeinanderangewiesensein bewirkt häufig, dass man sein eigenes, vieleicht berechtigtes Misstrauen wie Verrat empfindet. Wenn er gut ist, kannst du mit ihm reden oder er versteht es auch so. Wenn nicht, ist Misstrauen jedenfalls nicht verkehrt.

Es passiert immer wieder, dass Inhaftierte sehr schnell auf andere Gefangene hereinfallen, weil sie auf deren politische Sprüche und Verbalradikalismus hereinfallen. Wer beim Hofgang "Deutschland Er." schreit, ist noch nicht unbedingt ein Kamerad. Vielleicht will er "nur", dass du ihm etwas von deiner Ration abgibst oder ihm einen Anwalt besorgst. Das kannst du ruhig tun. Aber bedenke, dass er vielleicht einen Tag später bei einem Anderen "Rotfront" ruft. Dieses Misstrauen quält einen und gehört zu den schwierigsten Problemen im Knast. Einerseits kommt man sich dabei sehr blöde vor, andererseits muss man sich im Klaren sein, dass der Mitgefangene ein Spitzel sein kann, der sich durch Verrat die Aussetzung seiner Resthaftstrafe erschleichen will. Es bleibt uns nicht anderes übrig, als uns mit der Problematik von Verrätertum, Verräter und Provokateuren allgemein zu beschäftigen.

All diese Erscheinungen sind nicht auf den Knast beschränkt:

Im Grunde ist es nicht anders als im Betrieb, in der Schule oder der politischen Gruppe. Hier wie dort ist Verfolgungswahn, der in jedem den Agenten sieht, ebenso gefährlich wie unüberlegte, schulterklopfende Verbrüderung. Wenn du draußen kein Prahlhans bist, wirst du drinnen auch nicht den Mund aufreißen. Du bist nicht darauf angewiesen, Anderen mit Worten zu imponieren. Man wird dich ohnehin nach deinem Verhalten einschätzen, nicht danach was du sagst