Dein Verhalten gegenüber den Beamten

Der Knast ist ein hierarchisch organisiertes Behördengebilde. Ganz oben ist der Anstaltsleiter, der über sich noch den Präsidenten eines Justizvollzugsamtes und darüber das Ministerium hat. Dann geht es über etwa acht bis zehn Dienstgrade nach unten bis zu den Beamten, die den uniformierten Dienst an der Zellentür und im Flur tun.

Der Knast funktioniert heute in der Regel, weil jeder vor jedem Angst hat. Jeder Beamte vor seinem Vorgesetzen. Aber auch vor seinem Kollegen, weil er ihm den Rang um die spärlich gestreuten Beförderungsstellen ablaufen kann.

Alle zusammen haben sie Angst vor der Öffentlichkeit, insbesondere vor der Presse, weil in jedem Knast so viele Ungerechtigkeiten und skandalöse Dinge passieren, dass man einen erheblichen Aufwand an Abschirmung und Verschleierung betreiben muss.

Die Angst, ständig etwas falsch zu machen, ständig von oben angeschissen werden zu können, erzeugt innerhalb des Gefängnisses eine Atomsphäre von Gereiztheit und Aggressivität, unabhängig vom Verhalten der Gefangenen. Erfahrungsgemäß legen die Beamten sich nicht mit denjenigen an, von denen sie abhängig sind, sondern sie lassen ihren Unmut an denen aus, die ihnen unterlegen sind. Das schafft ein gereiztes, feindliches Verhältnis zwischen Gefangenen und Beamten. Das kommt letztlich wieder denjenigen zugute, deren Interesse mit Hilfe des Knastes durchgesetzt werden soll.

Da aber auch Beamte ihren Dienst möglich reibungslos und kraftsparend erledigen wollen, sind sie darauf angewiesen, das Verhältnis zu den Gefangenen nicht sehr zu strapazieren. Es kommt also zu einer Art Waffenstillstand. Dieser ist erzwungen durch die Tatsache, dass einerseits die Beamten ihren Dienst nicht ohne gewisse Kooperation der Gefangenen ableisten können und dass andererseits die Gefangenen die Leidtragenden ständiger Schikane und Maßregeln wären. Dieser Waffenstillstand ist sehr zerbrechlich, weil jede Veränderung des Gleichgewichtes, etwa durch Einschränkung der Rechte der Häftling oder Verschärfung der Dienstpflichten der Beamten, zu gemeinschaftlichen Aktionen der einen wie der anderen Seite führen können. Diese gefährdet letztlich einen Strafvollzug wie er von den Herrschenden gewünscht wird.

Die Tatsache, dass ein solcher Waffenstillstand im Allgemeinen besteht, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Kleinen die Gefangenen täglich mit allen möglichen Schikanen und unzulässigen Maßnahmen bedacht werden. Für den einzelnen Gefangen bedeutet das, dass er sich im Verkehr mit den Beamten unauffällig korrekt verhalten sollte, solange dies der Beamte auch tut. Sobald du denkst, dass ein Beamter auf einen Privatkonflikt mit dir aus ist, musst du dich wehren. Du hast dann Anspruch auf die Mitsolidarität deiner Mitgefangenen, deines Anwaltes und anderer, die dir zu deinem Recht verhelfen können. Das gleiche gilt, wenn du siehst, wie andere schikaniert werden.

Sei dir aber immer im klaren über den Adressaten deiner Maßnahmen. Wenn der Beamte Anordnungen ausführt, die er nicht gewollt oder nicht zu verantworten hat, ist er meist nicht in der Lage, sich mit dir gegen den Anordnenden zu verbünden. Er kann schließlich aber seinen Dienst pingelig genau nehmen oder auch mal fünfe gerade sein lassen.

Wenn er sich aber mit einer Schikane gegen dich, die von oben kommt, identifiziert, dann ist die Grenzlinie klar gezogen. Der Knast funktioniert meistens so, dass derjenige, der eine besondere Anordnung trifft, etwa die Überwachung bei Nacht, Lichteinschaltung etc., diese nicht selbst ausgeführt. Der betreffende Gefangene kommt nur noch mit dem Überbringer und Ausführenden in Berührung.

Das hat zur Folge, dass sich die ganze Empörung aggressiv auf den Beamten entlädt, der eigentlich nicht verantwortlich ist. Meist ist der Beamte aber nicht mutig genug, sich offen mit dem Gefangenen zu solidarisieren oder seine Empörung zu teilen. Er steht in einem Rollenkonflikt, in dem er mit dir sympathisieren will, aber nicht darf, weil er die Anforderung ausführen muss. Sein Mut wird nicht zur Gehorsamsverweigerung reichen, aber es wäre schädlich, durch unkontrollierte Aggressivität gegen den Beamten ihm den politisch emotionalen Zugang zu dir zu verbauen.

Zeige ihm, dass du den Mut gegenüber seinen Vorgesetzten hast, den er nicht hat, obwohl ihm weniger passieren würde. Die Beamten identifizieren sich oft mit dem Stärkeren. Wenn es ihr Chef ist, mit ihm, wenn du es bist, mit dir.

Es ist klar, dass diese Darstellung sehr schematisch ist und der "gute" Beamte zumindest in der heutigen Zeit die Ausnahme darstellt. Wenn man sich jedoch über diese Strukturen innerhalb des staatlichen Herrschaftsapparates nicht klar ist, vergibt man ein wichtiges Operationsfeld und schwächt seine eigene Position.

Du sollst kein Mitleid mit ihm haben, sondern seine Reaktion dir gegenüber realistisch auf Ursachen hin deuten, damit du dich ihm gegenüber richtig verhältst.