Erfahrungsprotokoll - Eine Hausdurchsuchung

"Ich wache auf, weil jemand an der Tür rüttelt. Ich denke: Einbrecher! Dann ein kurzes Klingeln und ehe ich ganz wach bin und aufstehen kann, sind sie schon da. Ein Rollkommando der Polizei mit Maschinenpistolen im Anschlag stehen um mein Bett herum. Sofort fallen mir Zettel ein, Adressenlisten, Bücher, die verboten sein könnten. Immer dieses verdammte schlechte Gewissen. Sehe ich einen Polizisten auf mich zukommen, überlege ich sofort, ob ich irgend etwas falsch gemacht haben könnte. Vielleicht sind wieder Schriften von Zündel oder Walendy verboten worden - einen Moment scheint mir alles möglich. Dann komme ich wieder zu mir und frage, warum sie bei mir Hausdurchsuchung machen.

"Hier sind wir es, die Fragen stellen, das werden sie schon früh genug erfahren."

Nun möchte ich den Durchsuchungsbefehl sehen. "Durchsuchungsbefehl?", sagt einer höhnisch, "den brauchen wir nicht, Gefahr im Verzug." Einer bewacht das Telefon, und als ich verlange mit meinem Anwalt zu telefonieren, heißt es "das könne ich später tun". Sie benehmen sich so, als ob ich froh sein müsste, von ihnen überhaupt eine Antwort zu erhalten.

Jeder einzelne von ihnen ein kleiner Machthaber. Aber wahrscheinlich haben sie selber Angst, vermuten ein Waffenlager oder so etwas, fühlen sich in Feindesland. Als würden sie erwarten, dass ihnen jeden Augenblick ein Partisan in den Rücken springt. Sie holen alle Bücher aus den Regalen herunter, wühlen in Zeitschriften, in Archiven, alten Fotomappen, persönlichen Briefen. Der Herr in Zivil, wohl der Staatsanwalt, will wissen, wer denn das auf dem Bild sei, von wem ich denn so viele Briefe bekomme. Als er keine Antwort bekommt, zeigt er auf die Tür eines etwas abgelegenen Zimmers, in dem eine Freundin wohnt, deren Namensschild auch an der Tür hängt. Er fragt, wessen Zimmer das sei. Ob er darauf eine Antwort erwartete weiß ich nicht. Jedenfalls wollen sie mir jetzt wohl zeigen, was eine Harke ist. Sie brechen auch dieses Zimmer auf, reissen überall die Laken aus den Betten, heben die Matratzen hoch, zerren die Platten aus den Hüllen, in der Küche das ganze Geschirr aus den Regalen, das Besteck dazu und kippen zur Krönung noch Marmelade drüber. Sie stampfen durch die Wohnung, als wären sie hier zu Hause und machen einen Lärm, dass mir Angst und Bange wird. Die Nachbarn könnten sich aufregen und der Hauswirt uns kündigen. Endlich sind sie fertig. Ich bestehe darauf, dass ein Protokoll gemacht wird und bin froh, als sie wieder weg sind."




Kurzum:

Die Polizei stürmt deine Wohnung bei Tag und Nacht, wie und wann sie will. Gefahr im Verzug ist immer. Zeugen sind "leider" nie erreichbar. Anwalt? Was wollen sie denn mit dem? Hilft nur noch eins: Die ganze Aktion wie einen Heuschreckenschwarm über sich ergehen lassen, damit der Schaden möglichst gering bleibt. Das kostet Nerven. Diesen Aufwand an Angst und Nervenkraft kannst du gering halten, wenn du folgendes berücksichtigst:

Es gehört zur Taktik der Polizei, Durchsuchungen zu einer Zeit durchzuführen, in der du am wenigsten damit rechnest und am wenigsten widerstandsfähig bist

Auf diese Weise erhofft man sich Angstreaktionen von dir, die als Ermittlungshinweise für die Polizei wertvoll sein könnten. Also kommt man am frühen Morgen vor dem Aufstehen. Es klingelt oder klopft an der Tür zu einer Zeit, in der nur gute Bekannte zu dir wollen. Die Beamten stürzen schwer bewaffnet in unbegreiflichen Mengen an dir vorbei und besetzen alle Räume in der Wohnung. Du siehst Uniformen neben deinem Bett, Maschinenpistolen in der Küche, und wenn du aufs Klo willst, musst du erst einen Beamten verscheuchen. Deine Wut wird durch deine Ohnmacht gesteigert. Deine Hilflosigkeit macht dir Angst. All diese Reaktionen stärken die Gegenseite. Mach dich von deinem inneren Zwang frei, indem du Widerstand leistest. Äussere Empörung über Zweck und Recht der Aktion. Auch hier gilt: Nichts sagen! Auch wenn man die Aktion dadurch verlängert, du bist rechtlich nicht verpflichtet zu helfen. Am besten ist, wenn du dir in einer ruhigen Stunde mal überlegst, wie du im Falle einer Durchsuchung reagierst. Dann bist du mindestens gedanklich darauf vorbereitet und kannst dich zu einer angemessenen Reaktion zwingen, da du nicht lange nachzudenken brauchst. Versuche so zu reagieren, als geschehe das jeden Tag. Gib den Beamten nicht die Gelegenheit, sich daran zu weiden, wie du dich vor ihnen in deinem Bett oder Nachtgewand schämst. Wenn sie schweinische Bemerkungen machen, so gehe nicht darauf ein. In diesem Sadismus legen sie es oftmals gerade darauf an, dich zu provozieren. Gib ihnen nicht die Ehre, in diesem provozierenden Spiel ihr Partner zu sein. Betrachte sie wie geschlechtslose Wesen, vor denen sich zu schämen überflüssig wäre. Womöglich ist es gerade ihre Angst vor dieser Geschlechtslosigkeit, die sie mit ihren Provokationen töten wollen. Du bist der Überlegene, wenn du dich nicht darauf einlässt. Geh in die Küche und koche dir einen Kaffee. Versuch nicht etwas "zu retten". Das geht meistens schief. Auf solche Reaktionen ist die Polizei vorbereitet. Darin hat sie Erfahrung. Das lernt sie bereits auf der Polizeischule. Nach zwei Stunden spätestens sind sie wieder weg. Dann ist der Spuk vorbei und du bist eine Erfahrung reicher.

Allerdings ist für deine persönliche Ruhe einiges zu beachten:

  • Verliere nie den Überblick über Sachen, die in deiner Wohnung sind.
  • Bewahre keine Sachen auf, die nicht unbedingt für dich von Bedeutung sind.
  • Lege keine Korrespondenzarchive an.
  • Mach dich frei von Souvenir- und Dokumentenfetischismus.

Es gibt Kameraden, die schon jetzt dafür arbeiten, dass die spätere Geschichtsforschung möglichst lückenlos Material über unsere Aktivitäten erhält. Wer Adressen, Waffen usw. in seiner Wohnung aufbewahrt, zeigt damit, dass er nur noch in einer Hinsicht ernst zu nehmen ist:

Als Gefahr für seine Kameraden und sich selbst.

Hausdurchsuchungen kommen plötzlich. Sie kündigen sich nicht durch Sternzeichen und andere geheimnisvolle Zeichen an. Lass dich nicht überreden, für Unbekannte oder "gute Freunde" Sachen in deiner Wohnung unterzustellen, von denen du nicht beurteilen kannst, wozu sie gut sind oder woher sie stammen. Nicht selten folgt solchen Provokationen die "fündige Hausdurchsuchung" auf dem Fuße. Das ganze klingt, als sei das Ertragen einer Hausdurchsuchung ein Kinderspiel. Das ist es ganz bestimmt nicht. Kaltschnäuzigkeit und besonnen zu bleiben kostet eine Menge Energie. Es ist nicht einfach, wenn du zusehen musst, wie die Beamten mit zynischen Bemerkungen deine Sachen durchschnüffeln, oder wie sie Sachen behandeln, die dir wertvoll sind. Sie werfen deine Bücher auf die Erde und schütteln sie, dass die Seiten fliegen. Es ist vorgekommen, dass sie Lebensmittel auf den Fußboden ausschütten. Wer sich später dagegen erfolgreich zur Wehr setzen will, ist meist in Beweisschwierigkeiten. Sieh zu, dass es Leute gibt, die wissen in welchem Zustand deine Wohnung sich gewöhnlich befindet und wie aufgeräumt sie ist.

Wenn Du Kinder hast, überlege dir jetzt schon einmal, was du mit ihnen tust, falls die Polizei kommt. Die Angst, in so einem Fall allein zu sein oder nicht zu wissen wohin, stärkt die Gegenseite gewaltig.

Die Polizei kommt manchmal mehrmals hintereinander, weil sie denkt, man sei so blöd und hole nach überstandener Gefahr jetzt all die gesuchten Sachen hervor. Auch das ist Routine und darf dich nicht aus der Fassung bringen