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Die Vernehmungstaktiken

Nach erfolgter Festnahme – im Gefangenentransportwagen, in der Polizeizelle bei der Kripo – setzen irgendwann die Versuche ein, Aussagen zur Sache aus dir herauszuquetschen.

Du kennst bereits die beiden Wege: den formellen, über eine Aussage, zu der du dich erst bereit erklären musst, und den informellen, über ein Gespräch bei einer Tasse Kaffee, im Gang oder von “Mensch zu Mensch”.

Die Informationen, die Beamte benötigen, haben zweierlei Charakter:

  • Sie sollen in einem Strafverfahren verwendet werden, müssen also gerichtsverwertbar sein, d.h. sie dürfen nicht unter Umgehung von Gesetzen, z.B. dem § 136 StPO, zustande kommen.
  • Sie sollen der weiteren Ermittlungsarbeit dienen. Hier darf die Ermittlungsbehörde jeden Hinweis verwerten. Hier wird zum Beispiel das Telefon eines Arztes abgehört, nur darf ein sich daraus ergebener Hinweis nicht im Verfahren verwertet werden.
  • Wird aber aufgrund dieser widerrechtlich erlangten Informationen eine Hausdurchsuchung durchgeführt, so ist das hierdurch sichergestellte Material verwertbar.

Willst du also deine Rechte voll wahren, musst du sorgfältig darauf achten, dass Informationen, die du im Kopf hast, auf keinem Wege denselben verlassen. Das Gesetz geht von der Fiktion aus, der Mensch habe einen freien Willen, den er nach Belieben betätigen könne, auch der Entschluss gemäß § 136 auszusagen, sei frei, wenn er nicht unter den besonderen Umständen des § 136 StPO zustande gekommen ist.

Die Beamten werden dir also zunächst die gesetzlich zulässige “Entscheidungshilfe” geben wollen. Dazu werden sie aus ihrer Maske als Kriminalbeamte heraus schlüpfen und versuchen, dir gegenüber die Rolle “Deines Anwaltes” zu spielen. Anstatt dir sofort Gelegenheit zu geben, wirklich deinen Anwalt zu befragen, haben sie ein Interesse daran, diesen zunächst fern von dir zu halten.

Sie werden alle Register ziehen, um deinen freien Willen in ihre Richtung zu lenken.

Die Taktik des “Es ist das beste für Dich”

Sie werden versuchen, dir weiszumachen, das Beste für dich sei, auszusagen. Das geschieht, indem man dir vorhält, welche Strafen einen erwarten. Sie werden dir weiszumachen versuchen, deine Position sei ohnehin aussichtslos. Der Geständige aber erhalte Straferlass und komme möglicherweise nicht in die Untersuchungshaft, weil dann keine Verdunklungsgefahr bestehe.

Wenn sie Recht hätten, bräuchten sie die Zuziehung eines Anwaltes nicht zu fürchten. Es muss dich misstrauisch machen, dass sie dir raten wollen, es aber nicht zulassen, dass dies eine Person deines Vertrauens tut.

Nochmal:

Die Vernehmung ist nicht nur ein Spiel von Fragen und Antworten, sondern eine Situation, zu der nicht nur der Beamte und Befragte gehört, sondern ebenso deine Angst, seine Routine, die Wahl des Zimmers, die Beamten, die scheinbar nicht beteiligt sind, Hektik, Ungeduld und gespielte Szenen.

Der Beamte wird zunächst versuchen, mit dir ins Gespräch zu kommen. Man wird dir “Ermittlungsergebnisse” vorlesen, die dir zeigen sollen, wie weit man mit den Ermittlungen ist. Du kannst aber gar nicht beurteilen, ob dies tatsächlich Ergebnisse oder nur Vermutungen sind. Es ist vorgekommen, dass dem Beschuldigten Papiere als “Geständnisse” vermeintlicher Mitbeschuldigter vorgelegt wurden, an denen kein Buchstabe echt war. Abgesehen davon, ist auch ein wirkliches Geständnis noch lange kein Grund, auf sein Schweigerecht zu verzichten, denn nur ein Anwalt kann beurteilen, ob dieses vermeintliche Geständnis echt ist. Weiter wird man versuchen, dich mit Namen, Adressen, Telefonnummern und Tatsachen aus deinem Leben, von denen du meinst, sie seien unbekannt, zu überrumpeln.

Durchschaue diese Manöver. Wenn sie alles wissen, wozu dann noch eine Aussage. Wenn du bereits überführt wärest, wie wollen sie dir dann eine milde Strafe versprechen? Darüber entscheidet ohnehin das Gericht, das dir gewiss nicht dankbar ist. Wenn sie in der Rolle deines Anwaltes keinen Erfolg haben oder wenn sie merken, dass du dir von ihnen nichts einreden lässt, werden sie versuchen, dich psychisch zu bearbeiten.

Gespräche von “Mensch zu Mensch”

Bereits im Transportwagen in der Polizeizelle oder bei der Kripo, wenn es dir bereits besonders dreckig geht, wird ein Beamter in der Rolle des “Freund und Helfer” auf dich zukommen. Das kann ein “Höherer” sein, der die Polizisten, die dich beschimpfen, zur “Ordnung” ruft. In deiner miesen Situation neigst du dazu, dich an diesen Strohhalm zu klammern und zu vergessen, dass er derjenige ist, der jetzt den Auftrag hat mit dir in ein vertrauensvolles Gespräch zu kommen.
Es passiert nicht selten, dass gerade dieser Beamte sich später vor Gericht rühmt, er habe es eben mit seiner verständnisvollen Art geschafft, das Vertrauen des Beschuldigten zu erlangen, der ihm schließlich das Herz ausschüttete. Die Taktik besteht darin, dich zunächst in eine Situation zu bringen, in der es dir schlecht geht, damit dann einer als dein “Freund und Retter” auftreten kann. Oft werden zu diesem Zweck auch Vernehmungen mit verteilten Rollen durchgeführt:

  • Einer ist scheinbar der Sachliche, der die Vernehmung offiziell vornehmen soll.
  • Zwei weitere Beamte sind im Raum entweder als Zuhörer oder scheinbar mit etwas Anderem beschäftigt.

Du verweigerst die Aussage. Dein sachliches Gegenüber versucht dir in Güte zuzureden. Du schweigst. Er brüllt los: “Mit euch müsste man kurzen Prozess machen…” Dabei kommt er dir so nahe, dass seine Nase dich fast berührt. Du riechst seinen Atem und bekommst seine Spucke ins Gesicht. Er brüllt weiter, bis nun dem Dritten die Sache “zuviel” wird. Er schickt den Schreier raus und befreit dich von ihm. Er wird dir sagen, dass sie den auch nicht leiden können, dass er bald versetzt wird. Dann bieten sie dir eine Tasse Kaffee an. Du empfindest Dankbarkeit. Du solltest Dankbarkeit empfinden.

Die Beamten wissen, dass wir in bestimmten Situationen nach Mustern und Mechanismen zu reagieren pflegen. Wir sind einfach darauf gestimmt, jemandem, der uns hilft, dankbar zu sein oder dem, der uns Verständnis entgegenbringt, freundlich zu begegnen. Das muss im normalen täglichen Umgang auch nicht falsch sein. Aber diese eingeschliffenen Mechanismen des täglichen Lebens sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie auch in Situationen aktiv sind, wo sie überhaupt nicht angebracht sind. Das Verhältnis zwischen Beamten und Beschuldigten ist in keiner Situation geeignet, Freundlichkeit oder Dankbarkeit aufkommen zu lassen. Auch wenn es dir schwer fällt, mit dem Beamten, dem du “Dank schuldest”, nicht zu sprechen, in ihm immer noch den Systemschergen zu sehen. Vergiss nicht, dass es dein Recht ist, zu schweigen. Wenn der Beamte erst seine Macht darauf verwendet, dich unter Druck zu setzen und dann den Druck lockert, ist es absurd, hierfür auch noch dankbar zu sein. Selbst wenn er den Kaffee aus eigener Tasche bezahlt, ist das eine Investition, die sich für ihn spätestens bei der nächsten Beförderung auszahlt.

Diese “Retter” sind die gefährlichsten Personen in diesem abgekarteten Spiel. Sie wollen deinen Kopf, deine Aussage und deinen Entschluss zum Geständnis. Du hast zu kämpfen, um ihnen zu widerstehen. Und wenn du meinst, deine Dankbarkeit wirklich nicht verkneifen zu können, kannst du dem Beamten später, wenn du aus der Sache raus bist, immer noch eine Büchse Bier als Dank schicken. Aber keine Aussage! Wenn der Beamte seine “menschliche” Seite zeigt, verweigere nicht nur jede Aussage, sondern lass dich auf kein Gespräch von “Mensch zu Mensch” ein. Er wird dir erzählen, dass er auch Kinder hat, die womöglich “rechts” eingestellt sind. Er findet vieles ja auch richtig und versteht auch die Jugend; er würde ja auch mitmachen. Er wird versuchen, dich in eine Diskussion zu verwickeln, innerhalb der er dich langsam auf eine Bahn bringen kann, die dann zu einer Aussage Führt. Außerdem verstärkt sich deine emotionale Beziehung zu ihm. Du findest ihn freundlich und fühlst dich verstanden. Das hat zur Folge, dass du bewusst oder unbewusst dich selbst veranlasst fühlst, freundlich zu ihm zu sein und ihn zu verstehen. Du beginnst jetzt Angst zu haben, ihn durch weiteres Verweigern zu “enttäuschen”.

Der Leim ist süß, auf dem du kriechen sollst

Erfahrungsbericht: Die Vernehmung

Als sie mich am nächsten Tag zur Vernehmung holen, bin ich froh, aus meiner Zelle herauszukommen. Ich bin froh, Menschen zu sehen, freundliche Gesichter, und als sie mir eine Zigarette anbieten, rutscht mir ganz automatisch ein “Danke” von den Lippen. Da ist ein helles Bürozimmer, Blumentöpfe, eine Sekretärin kocht Kaffee und schon bist du eingestimmt auf ein normales – “Mensch zu Mensch” Verhalten. Du willst niemanden vor den Kopf stoßen. Es fällt mir schwer, auf ihre freundlichen Fragen nicht zu antworten, und ich hatte mir die Polizisten ganz anders vorgestellt. Der eine ist jung und hat kurze Haare; der andere ist graumeliert, braungebrannt und ganz väterlich. Sie wollen nichts weiter als sich mit dir ein bisschen unterhalten.

Ohne Protokoll und Tonband sagen sie; sie wollen nur wissen, was wir so denken. “Es muss ja was dran sein, wenn man sich jahrelang für eine Sache einsperren lässt.” Sie sind ja auch nicht mit allem zufrieden, die vielen Ausländer, die Umweltzerstörung, da müssten wir doch mal was machen. Und dann gibt´s ja heute so viele Gruppen und Parteien, da findet sich ja kein Mensch mehr zurecht. Der Ältere war noch in der HJ und er hat gute Erinnerungen daran. Damals war noch Disziplin in Deutschland. Der Jüngere sagt, dass damals noch etwas galt und nicht Chaoten wie in der Hafenstraße von den Politikern und der Presse gehätschelt wurden.

Ganz unscheinbar sind sie zu zwei Bürgern geworden, die nur zufällig im Beruf Polizist sind. Sie wollen sich gerne überzeugen lassen, nur hat es ihnen bisher noch nie jemand so richtig erklärt. Vielleicht denkst du, sie sind ja auch vom Geld abhängig und ausgebeutet; wer weiß, wie viele da schon Dinge sagten, die sie gar nicht sagen wollten.

Als ich immer noch nichts sage, wie ein Klotz dasitze und aus dem Fenster starre, versuchen sie, an mein Ehrgefühl und an meine Aufrichtigkeit zu appellieren. Wenn ich etwas getan hätte, müsste ich doch dazu stehen “Ein Deutscher steht zu seiner Tat.”
Es handele sich ja um nichts Kriminelles, sondern um was Politisches.
Wie wolle man ein Beispiel geben, wenn man nicht zu seiner Tat stehe? Das würden sie respektieren, da hätte ja manch Krimineller mehr Ehrgefühl im Leibe. “Machen sie reinen Tisch. Sie wissen, die Gerichte werden es Ihnen zu Gute halten.” So wären sie leider gezwungen, deinen ganzen Bekannten- und Freundeskreis zu überprüfen, die würdest du nun auch noch mit in die Sache reinziehen. Und immer offener und drohender werden sie, sie hätten eh schon genug Material, das reiche schon für ein paar Jährchen. Man könne dich hier in einer Ecke verschimmeln lassen, mit solchen wie dir werden sie schon lange fertig, und nicht alle Beamten wären so freundlich wie sie. Der “Väterliche” schlägt plötzlich mit der Faust auf den Tisch und schreit, er habe jetzt genug von dir. Dann bringen sie mich nach unten in einen Gitterverschlag und lassen mich ein paar Stunden “schimmeln.” Diese Stunden wollen kein Ende nehmen. Du willst dösen, kannst nicht, hin- und hergehen geht auch nicht. Und ständig gehen dir Fragen durch den Kopf. Worauf wollen sie heraus? Was haben sie mit mir vor? Schließlich kommen sie wieder. “Na, haben Sie sich es überlegt, wollen Sie jetzt unsere Fragen beantworten? Ich will noch nicht: Aber jetzt haben auch sie genug. Sie lassen mich in Ruhe, und ich werde zurück ins Untersuchungsgefängnis gebracht. Diesmal erscheint mir meine Zelle fast wie ein Paradies.

Was sagt uns dieser Bericht?

Ein Weiteres Beispiel für die Taktik der Polizeibeamten: Sie versuchen, die Beziehung zu Personen, die uns emotional nahe stehen, auszunutzen.

Wenn sie anders nicht mehr weiterkommen, greifen die Beamten zu dem Mittel, den zu Vernehmenden mit seinen Eltern, seinen Freunden, seinen Ehepartner, seinen Kindern oder anderen Personen zusammenzubringen. Sie gehen davon aus, dass es in unserer Verwandtschaft oder unter den Menschen, denen wir uns verbunden fühlen, jemanden gibt, der in der Lage ist, uns umzustimmen. Die Spekulation der Beamten ist folgende: Sie sehen, Zwang und Drohung, Überredung und Verängstigung helfen nicht. Sie haben auch keine Beamten, die in der Lage sind, zu dir eine emotionale Beziehung aufzubauen, so dass du dem Beamten zuliebe aussagen würdest. Also wählen sie unter Bezugspersonen Leute aus, denen zuliebe du einiges tun würdest, die du nicht enttäuschen willst, denen gegenüber du Anlass zu Respekt oder Dankbarkeit hast. Es müssen Personen sein, die politisch und juristisch nicht durchblicken, also nicht durchschauen, wofür sie benutzt werden sollen. Sie sollen die Doppelrolle des Lockvogels spielen:

Einerseits Deinesgleichen, mit dir befreundet oder verwandt, andererseits im Dienst derer, die dich kleinkriegen wollen. Und sie merken es nicht, weil sie oft einem anderen Denken und Wissen verhaftet sind. Die Frage, ob du aussagst oder nicht, soll zu einer Entscheidung zwischen dir und deinen Eltern, zur Existenzfrage deiner Beziehung zu ihnen hochgeschraubt werden.

Es gehört zu den größten Zynismen der Polizei, die Eltern eines Betroffenen zu benutzen, um ihn in die Knie zu zwingen. Jeder weiß, dass gerade die Eltern den Angstmechanismen noch viel mehr unterworfen sind als wir, die wenigsten einen relativ größeren Durchblick haben. Eure Eltern haben den Beamten gegenüber häufig überhaupt keine Widerstandskraft. Sie scheuen sich noch mehr als ihr dem freundlichen Beamten “unfreundlich”, also angemessen zu begegnen. Sie sind in ihrem Zweifel oft schnell genug bereit einzusehen, dass es für ihr Kind doch nicht gut sei, sich weiterhin zu weigern. Sie sind meist die geeignetsten Opfer für alle Drohungen und Schwarzmalerei der Beamten. Dann kommen sie zu dir in die Zelle. Es geht dir nicht gut. Sie sehen das und du siehst sie weinen, leiden und dich beschwören. Und du sagst kein Wort. Aber du hast Angst, sie ganz kaputt weggehen zu sehen. Du weißt nicht, wie du ihnen deine Lage begreiflich machen sollst. Du entwickelst Ihnen gegenüber Schuldgefühle. In dieser Situation darfst du nicht vergessen, dass deine Schuldgefühle die genau einkalkulierte fünfte Kolonne der Beamten sind. Die Schuldgefühle sollen in dir die Arbeit der Beamten leisten und dich zum Fallen bringen. Diese Situation gegenüber deiner Frau, deinem Mann oder Kindern ist noch viel schlimmer, weil sie zu der emotionalen Seite noch deine Verantwortung hinzufügen.

Zu ihnen darfst du ein Wort sagen: Sie sollen mit deinem Anwalt sprechen; der kann ihnen dann erklären, wie deine Situation aussieht. Aber nur mit deinem Anwalt. Verzichte auf jede Rechtfertigung und Diskussion

Eine weitere Schwäche, auf die Beamten zählen, ist unsere Neigung, unser Tun überall und gegenüber jedem zu rechtfertigen. Vielen von uns ist es unerträglich, mit dem Gedanken herumzulaufen, etwas zu tun, dieses aber nicht zu rechtfertigen. Auch das mag in manchen Situationen des täglichen Lebens richtig sein. In der Situation der Vernehmung ist es absolut falsch. Es ist genauso falsch, auf die Idee zu kommen, den Beamten gegenüber jetzt zwar keine Aussage zu machen, ihnen aber haarklein darzulegen, dass man nur seine Rechte als Beschuldigter wahrnimmt.

Denk daran:
Kein Wort der Rechtfertigung. Überlege dir lieber, wer Anspruch auf Rechtfertigung hat: Nur wer dich auch kritisieren darf. Du wirst zugeben müssen, dass der Beamte hierzu nicht die Berechtigung hat. Auf irgendeine Art wird der Beamte immer wieder versuchen, mit dir ins Gespräch zu kommen. Er wird dich zum Beispiel bei deiner Intelligenz packen wollen, oder er wird versuchen, mit dir politisch zu diskutieren. Hierbei benutzt er Wissen, welches er sich im Laufe seiner Arbeit aneignen musste. Er hat sich sicher mit einigen politischen Schriften beschäftigt. Er wird versuchen, bei dir die Stellen herauszufinden, in denen du möglicherweise unsicher bist, in denen du politisch vielleicht verzweifelst. Er wird mit allen möglichen Zitaten aufwarten, um dir zu erklären, dass “Ihr” politisch falsch liegt. Vielleicht trifft er genau die Position, die du selbst in Diskussionen mit deinen Kameraden erfolglos vertreten hast. (Er kennt sie vielleicht aus V-Material). Du meinst, bei ihm “echtes” Interesse zu spüren. Lass ihn sich abzappeln! Er hat mit dir nichts zu tun. Er macht die Sprünge schließlich nur, um dich zum Reden zu bringen. Wenn er wirklich politisches Interesse hätte, bräuchte er nicht warten, bis du antwortest.

Du hast es nicht nötig, den Beamten zu imponieren. Hüte dich davor, deinem Gegenüber in dieser Situation in irgendeiner Weise zu imponieren. Frag dich lieber, ob es nicht zu ertragen ist, längere Zeit mit einem Beamten zusammenzusein, ohne es ihm wenigstens einmal “zu geben”. Denk daran, dass deine Position nicht nur schwach, sondern auch stark ist.

Mach nicht den Fehler, dem Anderen zeigen zu wollen, dass du der Stärkere, der Klügere, der Gebildetere und politisch Bewusstere bist; denn dann bist du der Dumme. Er wird sofort darauf einsteigen und dir mit Interesse folgen und durch “dumme” Zwischenfragen deinen Redefluss ankurbeln. In Wirklichkeit kannst du ihm nur dadurch imponieren, dass du in jeder Situation bei deinem Schweigen bleibst.

Die Taktik des “Sie haben gewonnen”

Eine weitere Gefahrenquelle ist die Euphorie, die sich einstellt, wenn man meint:

Ich habe es geschafft. Fast jeder weiß, wie man sich fühlt, wenn man aus einer Drucksituation befreit wird. Man ist gesprächig, fröhlich und redet wie aufgedreht, z.B. wenn man eine Klassenarbeit, eine Klausur oder eine Prüfung erfolgreich hinter sich hat. Man fühlt sich unbeschwert, wenn man die Last los ist. In dieser Stimmung hat man wenig Lust, noch weiter an die Strapazen zu denken. Man vergisst schnell die Mühsal und damit leider auch jede Vorsicht.

Nach einer langwierigen Druckperiode in einem Vernehmungszimmer, nach allen möglichen Beschimpfungen, Anfeindungen und all den Strapazen wird plötzlich gesagt: Schluss, es hat keinen Zweck, er will nicht, gut. “Sie haben gewonnen.”, sagt ein Beamter zu dir. Du bist froh, stolz und weißt, dass du gut warst. Warst du auch.

Aber Schluss ist eben nicht dann, wenn sie es sagen. Jetzt beginnt ein neuer Rollenwechsel. Du siehst die Beamten, mit denen du zu tun hattest, erschöpft. Sie waren erfolglos. Sie übergeben dich jetzt einen anderen, den du noch nicht kennst. Der hat nur den Auftrag, mit dir etwas zu essen, oder dich ins Gefängnis zurückzubringen. Er scheint völlig unverdächtig. Er fragt dich, ob du sie fertiggemacht hast. Er spielt Schadenfreude. Du freust dich, dass du jemanden hast, der deine Freude teilt – aber auch er wartet nur auf deine Worte.

Die Taktik, Kameraden gegeneinander auszuspielen

Fall nicht darauf rein, wenn man dich zusammen mit anderen Gefangenen oder sogar mit Kameraden transportiert, warten lässt oder gemeinsam vernehmen will. Das ist nur ein weiterer Versuch, Aussagen von dir zu bekommen, auf die die Gegenseite schon lange wartet. In dieser Situation gibt es zwei Möglichkeiten:

    1. Du kennst den anderen (natürlich nicht richtig, sondern einigermaßen gut). Dann vermeide jede Geste des Wiedererkennens. Oft ist bereits so etwas Gegenstand von Ermittlungen. Fallt euch nicht um den Hals. Fragt nicht nach dem Tun der letzten Zeit. Sprecht nicht von früher. Sprecht auch nicht, wenn ihr alleine seid über Dinge, die die Polizeibeamten mithören könnten. Wenn er Durchblick hat, begreift er es. Wenn nicht, ist es um so gefährlicher.

 

Auch hier gilt es, dass es besser ist, jemanden vor den Kopf zu stoßen und es später mal zu erklären, als sich und andere um seine Rechte und in Gefahr zu bringen.

  1. Du kennst den Anderen nicht. Dann sprich nicht über dich, sondern nur über ihn. Gib keine Kommentare. Sprich über das Wetter, den Knast, Essen und Sport. Auf keinen Fall über deinen Fall. Vermeide auch hier Imponiergehabe. Hab den Mut, für ein Würstchen gehalten zu werden. Wenn du wieder draußen bist, werden sie wissen, dass du keines warst. Denk daran, dass sie auch Pannen spielen können. Es ist durchaus möglich, dass sie dich “versehentlich” mit jemanden zusammentun, von dem sie dich vorher streng isoliert haben. Deine Freude musst du dann zügeln. Verhalte dich so, dass sie aus deinem Verhalten keinerlei Informationen ziehen können. Was für Begegnungen mit Personen gilt, trifft auch auf Orte oder Sachen zu. Nicht selten wird ein Betroffener an Orte gefahren, von denen angenommen wird, dass er sie kennt. Die Polizeibeamten wollen an der Reaktion prüfen, ob sie mit bestimmten Vermutungen auf dem richtigen Weg sind. Richte dein Verhalten danach ein. Werde nicht plötzlich in einer bekannten Gegend munter und recke den Hals, wenn du vorher geschlafen hast. Gib keine Hinweise auf Ort – oder Wegkenntnisse.
Wenn man dir Sachen, wie Waffen, Kleidung, Schlüssel, Autos oder sonst etwas zeigt, zeige für nichts davon Interesse. Nimm auch nichts davon in die Hand. Man kann aus der Art, wie jemand etwas anfasst, sehr gut sehen, ob er gewohnt ist, damit umzugehen

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