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Trump, Deplatforming, Chancen und ein Hack

Abseits der Hysterie um die Covid-19 Pandemie und die damit verbundenen Auflagen hat es in den letzten Tagen doch mindestens ein Thema gegeben, das mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Der Blick über den großen Teich auf die Wahl/Abwahl von Donald Trump und den damit verbundenen gesellschaftlichen Verwerfungen, die im Sturm des US Capitols endeten, war eine willkommene Abwechslung. Je nach Blickwinkel schwankt man zwischen Applaus, weil man in Trump einen rechten Heiland sehen mag oder weil man eine sich ausbreitende Revolte erwartet, und Entsetzen, weil man einen unglaublichen Tabubruch erkannt haben will.

Objektiv betrachtet, sind beide Blickwinkel wohl falsch. Trump war nie Lichtgestalt, die Revolte war offensichtlich ein Rohrkrepierer, und der Tabubruch ist eher nur eine Wiederholung einer Aktionsform, die es in den USA schon mehrfach und durchaus auch martialischer inszeniert gegeben hat. Business as usual?

Nicht ganz, denn Donald Trump hat auch abseits von Medienartikeln Federn lassen müssen, und das in einem Maß, das durchaus nützlich sein könnte. Die von ihm so gern genutzten sozialen Medien, allen voran Twitter, haben ihn vor die Tür gesetzt und die Welt damit um einen Tabubruch reicher gemacht. Der Trend zum ‘Deplatforming‘, der in den letzten Jahren immer stärker um sich greift, trifft also nicht mehr nur Kreise, denen man stets unterstellt gesellschaftlich nicht relevant zu sein, sondern auch einen scheidenden US Präsidenten, also einen Mann, den uns die Medien gern als einen der mächtigsten Männer der Welt vorstellen.

Das Ziel von ‘Deplatforming’ ist einfach gesagt, Menschen ihrer Bühne im Netz zu berauben und – machen wir uns nichts vor – es ist ein sehr wirksames Instrument im Kampf gegen ‘missliebige‘ Meinungen. Spätestens wenn Profile eine gewisse Verfolgerzahl erreicht haben, werden sie gelöscht und die Betreiber von der jeweiligen Plattform verbannt. Diese Strategie hat bisher wirklich gut funktioniert und natürlich auch zu entsprechenden Problemen für die gelöschten Personen geführt.

Die Impulse, die die Identitäre Bewegung in die rechtskonservativen Kreise senden wollte und stellenweise auch senden konnte, sind mit dem Verlust der Plattformen für Außenstehende kaum noch wahrnehmbar geworden. Die Berührungspunkte mit der ‘normalen Gesellschaft’ werden durch das ‘Deplatforming’ massiv verkleinert und jede Form von ‘nationalem Online-Aktivismus’, sofern man den Begriff überhaupt gelten lassen möchte, droht zu einer Art Selbstbetrug in schwerer zugänglichen und schon deswegen wenig frequentierten Winkeln des Weltnetzes zu werden.

Wir brauchen uns da nichts vorzumachen: Der Verlust von Twitter, Facebook, Instagram und Reddit als Plattform für nationalen Online-Aktivismus – richtiger der Präsentation von Aktivismus – ist ein harter Schlag in Zeiten, in denen es für nahezu jeden Jugendlichen selbstverständlich ist, Informationen über diese Plattformen zu verbreiten und zu konsumieren.

Man kann darüber diskutieren und vor auch Gericht streiten, ob Online-Dienste die Entscheidung darüber treffen sollen dürfen, wo die Grenze der Meinungsfreiheit verläuft. Objektiv betrachtet ist der Kampf um diese Plattformen im Moment aber ziemlich aussichtslos.

Wer auf die Toleranz seiner Feinde baut, wird über kurz oder lang immer verlieren. Mit der Löschung der Profile von Donald Trump wird auf jeden Fall ziemlich klar, dass trotz des kommerziellen Werts, den jedes Profil mit riesigen Verfolgerzahlen für ein Netzwerk hat, mit keinerlei Toleranz mehr zu rechnen ist. Offensichtlich übertrumpft der Wille der Betreiber solcher Netzwerke, bestimmte Meinungen aus dem öffentlichen Diskurs raus zuhalten, selbst die kommerziellen Interessen solcher Firmen.

Für den durchschnittlichen nationalen Aktivisten ist das alles längst Alltag. Über eine Löschung wundert sich niemand mehr. Jeder weiß, dass nationale Aktivisten und Projekte quasi von den Plattformen verbannt werden, sobald sie vernünftig arbeiten und die Möglichkeiten, in den gesellschaftlichen Mainstream zu wirken, effizienter nutzen.

Diesen Zustand konnten wir nicht ändern, und der Umgang mit diesen Plattformen schwankte zwischen Resignation und trotziger Auflehnung in Form von ständig neu eröffneten Profilen, was als Freizeitspaß in Ordnung ist, aber politisch betrachtet eigentlich keine Option ist.

Die Gründung eigener Plattformen ist im Zuge dieser Entwicklungen oft diskutiert worden. Wenn man sich die verschiedenen Versuche im rechtskonservativen Bereich ansieht, YouTube Alternativen zu schaffen, wird aber schnell klar, woran solche Projekte, wenn sie denn überhaupt mehr waren als ein reines Schauspiel für eine Spendensammlung, gescheitert sind. Sie sind an der totalen Verkennung der Realität gescheitert.

Keines der Projekte ist am Ende mehr als eine reine Verlagerung der eigenen Filterblase auf andere Server geworden. Die Nutzerzahl ist stets so überschaubar geblieben, dass niemand ehrlich behaupten könnte, dass über diese Plattformen eine Interaktion mit der ‘normalen Gesellschaft’ stattfindet. Wohlwollend betrachtet sind solche Plattformen also höchstens Archive für alle, die aktiv nach gelöschten Inhalten suchen.

Das hätte sich mit der Löschung der Profile von Donald Trump ändern können. Nicht weil wir auf einmal selbständig in der Lage wären, Alternativen zu schaffen, sondern weil er sich eine neue Heimat im weltweiten Netz suchen und dieser Weg von einigen Millionen Menschen verfolgt werden wird. Dabei werden automatisch auch andere Plattformen in der Öffentlichkeit wahrnehmbarer werden. Plattformen, die im Idealfall eine generell tolerantere Haltung in Fragen der Meinungsfreiheit an den Tag legen.

Trump wird sicher nicht aufhören, Futter zu liefern und die etablierten Medien in den USA genau wie hier werden bei der panischen Suche nach neuen ‘Skandalen’ automatisch auch die neuen alternativen Plattformen, auf denen er sich auslebt, in den Fokus rücken. Jeder Weltnetznutzer, der zumindest noch so offen ist, dass er nicht nur alles von den Medien vorgekaut konsumieren mag, wird also sicher auch diesen Plattformen mal einen Besuch abstatten. Das wird wahrscheinlich nicht der Großteil des Millionenheeres sein, das sich tagtäglich in sozialen Medien austobt, aber doch deutlich mehr Menschen umfassen als die Filterblase, die nationale Aktivisten heute sonst erreichen können.

Die Löschung der Trump-Profile hat also durchaus das Potential, eine Tür zu Plattformen zu öffnen, in denen auch nationale Gruppen sich wieder richtig aufstellen können. Das sind keine verrückten Träume, sondern zeichnete sich direkt nach der Löschung der seiner Kanäle ab. Netzwerke wie Parler und Gab, die sonst eher ein Nischendasein geführt haben, merkten einen massiven Zuwachs – so enorm, dass es sogar in den etablierten Medien Erwähnung fand. Etliche Leute werden erst durch die Berichterstattung etablierter Medien über den großen Ansturm auf Parler von von der Existenz dieses Netzwerks erfahren haben.

Wer glaubt, die darauf folgende Ankündigung, dass Amazon und Google solchen Netzwerken die genutzten Dienstleistungen nicht mehr weiter zur Verfügung stellen will, wäre zufällig in das gleiche Zeitfenster gefallen, muss schon sehr naiv sein.

Umso mehr versucht wird, wachsende Alternativen auf diese Art zu bekämpfen, umso mehr wird augenfällig, dass auch innerhalb der großen US-Technologie-Unternehmen realisiert wird, wie schnell solche Netzwerke gefährlich für die Idee, dass man missliebige Meinungen einfach aus dem öffentlichen Diskurs entfernen sollte, werden können.

In den USA hat das Recht auf freie Rede traditionell einen ganz anderen Wert als es in Deutschland der Fall ist. Netzwerke, die mit dem Recht auf freie Rede werben, werden in Zeiten spürbarer Zensur automatisch interessanter. Vergessen darf man dabei auch nicht, dass es in den USA immer noch als ein undenkbarer Vorgang gilt für reine Meinungsäußerungen in Haft zu landen. Ohne die USA an irgendeiner Stelle idealisieren zu wollen, muss auch die deutsche Rechte begreifen, dass die sich daraus ergebenden Möglichkeiten eine Chance darstellen, die man dankbar aufgreifen sollte.

Klingt fast so als sei alles auf einem guten Weg und Trump auf eine unerwartete Art unfreiwillig doch zu einer Art metapolitischem Glücksfall im Online-Bereich geworden zu sein. Dummerweise ist die Welt nicht so einfach.

Der Verlust der Infrastruktur, die bisher zumindest von Parler genutzt wurde, wird sich ausgleichen lassen, denn mit Trump und seinen Anhängern wird ohne Frage auch Geld in die Kassen von Diensten wie Parler und Gab gespült. Beginnt die schöne neue Online-Welt aber mit einem katastrophalen Hack, wirkt das nicht vertrauensfördernd und ist unter Umständen auch ein Punkt, der Investitionen verhindert.

Genau das ist quasi parallel mit der neuen Wahrnehmung passiert. Unmittelbar nachdem der durchschnittliche Weltnetznutzer das erste Mal von Parler hörte, geisterte auch schon die Meldung von einem Hack, bei dem knapp 70 Terabyte an Daten erbeutet wurden, durch die Medien (1 und 2).
Sowas sollte nicht passieren, kann aber theoretisch immer passieren, auch wenn die Menge der abgeschöpften Daten enorm wirkt. Sollten die bisher dazu bekannten Informationen stimmen, war die ganze Infrastruktur nach heutigen Maßstäben unsicher eingerichtet und ist dilettantisch gewartet worden.

Selbst wenn man denkt, dass sich die Welt im Netz immer noch etwas schneller zu bewegen scheint und solche Sachen auch schnell wieder vergessen werden, lässt sich die Geschichte nicht kleinreden. Bei den erbeuteten Daten sind nach bisherigem Stand etliche Videos von dem Sturm des Capitols dabei, teilweise Videodateien, die von den Nutzern bereits wieder – höchstwahrscheinlich aus Furcht vor Strafverfolgung – von ihren Profilen gelöscht wurden, auf den Servern aber noch vorhanden waren. Diese Videos enthalten oft noch umfangreiche Metadaten und können so genau zugeordnet werden. Dazu kommt, dass Parler ein für seine Nutzer jetzt höchst gefährliches Nutzer-Verifikationsverfahren gepflegt zu haben scheint. So wurde verlangt, dass man, um den ‘Parler Citizen’-Status zu erreichen, ein Bild der Vorder- und die Rückseite seines Führerscheins oder eines anderen Ausweisdokuments hochladen sollte. Auch diese Bilder scheinen bei den gehackten Daten erbeutet worden zu sein.

Auch wenn man nicht sagen kann, ob die Daten aus dem Hack in einem Verfahren vor einem US-Gericht genutzt werden dürfen, eine sehr negative Entwicklung, um ein Netzwerk als interessante Alternative in der Wahrnehmung zu platzieren.

Nationale Aktivisten sollten in diesen Tagen die Entwicklungen auf jeden Fall genau beobachten. Wie groß das Zeitfenster ist, in dem sich unter Umständen ein neuer Spielplatz für Online-Aktivisten ergibt, kann niemand sagen. Sicher ist, dass man dabei nicht zögern darf, möglichst zeitnah aktiv zu werden, denn Netzwerke, in denen der durchschnittliche Nutzer keine Informationen findet, die ihn interessieren, wird er nicht regelmäßig nutzen. 

Wie immer im Umgang mit Online-Diensten kann dabei aber trotzdem nur die Devise sein, dass man das Denken nicht mit der Anmeldung einstellt.

  • Achtet darauf, dass die Informationen, die Ihr über solche Netzwerke teilt, Euch und anderen Aktivisten nicht schaden können
  • Entfernt nach Möglichkeit Metadaten von Dateien, bevor Ihr sie in sozialen Medien teilt
  • Vermeidet – auch gegenüber den Betreibern der Dienste – nach Möglichkeit die Weitergabe von Daten, die Euch eindeutig identifizieren können

Das Weltnetz vergisst nichts und Strafverfolgungsbehörden freuen sich immer über Informationen, die ihnen die Arbeit auch Jahre später noch erleichtern können. Vergesst dabei nicht: Deutsche Gerichte sind durchaus offen für Informationen aus zweifelhaften Quellen. Auch abseits der zweifelhaften Quellen aus dem Geheimdienstumfeld war man sich in der Vergangenheit nicht zu fein, gestohlene Daten (Stichwort: Steuer-CD) sogar anzukaufen, um damit Strafverfahren eröffnen zu können.

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1 Kommentar

  • Bravo – gut gestaltete Internetpräsenz, keine Rechtschreibfehler und viele gute Informationen. Gute Arbeit, das findet man in nationalen Kreisen leider selten! Zufall das ich darauf aufmerksam wurde…ihr solltet viel mehr Menschen erreichen. Weiter so!

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